Mit der Zunahme der Gewalt, die die millionenfachen Proteste in Frankreich und Italien begleitet, lassen analytische Kräfte nach, geht der politischen Kompass flöten. Auch medial. Was immer man von den Ausschreitungen und dem Vorgehen der Exekutive halten mag: Der Diskurs darüber bewegt sich in teils fragwürdigen Bahnen. Linken-Gegnern dient die Gewalt als Vorwand, um friedliche Proteste abzustrafen. Linken-Freunden dient sie zum Vorwurf, sie munitioniere , vor allem den rechts lauernden Erzfeind. Zusammenhänge werden in der Hitze der Straßen-Schlachten mit der Polizei und der Polizeigefechte mit der Straße weggebügelt. Man muss nichts davon gut finden, um zu erkennen, was sich da gerade abspielt. Man kann indes die Stimmen hören, die besagen, dass hier schon wieder die Kontextualisierer am Werk sind, um dem Bösen eine schöne Maske aufzusetzen.
Nach Ansicht von Daniel Bax in der taz kapern Randalierer friedliche Proteste. Plünderungen und Zerstörungen hätten die berechtigten Anliegen der Protestierenden überschattet . Headline der taz: Le Pens nützliche Idioten. Marlen Hobrack fühlt sich im Freitag durch Szenen getriggert, in denen Menschen mit migrantischem Hintergrund Gewalt gegen die richten, die sie zu unterstützen vorgeben. Viele der Betroffenen seien selbst Migranten. Die Wut (ent)äußert sich gerade gegenüber den unterdrückten‘ Klassen. Vielleicht seien diese Angriffe aber nicht paradox, sondern zeigen genau die Natur der Proteste auf: Dass nämlich diejenigen, die unter schwierigen Bedingungen etwas aus ihrem Leben machen, die Wut derjenigen auf sich ziehen, die am Leben scheitern. Proteste und Gewalt quasi als Ausdruck eines Naturells. Hätte Hobrack nur zuvor lesen können, was ihre Freitag-Kollegin Romy Straßenburg hernach schrieb.
Auch sie hält die Erschütterung über den Kontrollverlust und die hemmungslosen Ausschreitungen für berechtigt. Sie schreibt vom Chaos, in das sich viele gestürzt sehen. Aber auch von einer katastrophalen Polizeistrategie, die das Gewaltpotenzial unterschätzt habe. Vor allem versucht sie, zu erklären, wie es zu friedlichen Protesten, aber auch zu Aktionen mit verheerender ausufernder Eskalation kommen konnte. Ohne zu beschönigen. Danach macht es sich bewusst leicht, wer die sozialen und rassistischen Hintergründe wie Hobrack ignoriert. Selbst die FAZ verweist auf die soziale Ausgangslage („Wenn den Jungen die Zukunft nur noch trostlos erscheint“). Frau Hobrack dagegen schüttelt den Kopf über Freude („als breche sich hier endlich ein authentischer Protest der verarmten Massen Bahn„) und Verblendung. Gewalt sei Selbstzweck, statt politischer Protest zeige sich ein kindlicher Akt der Aggression.
Zur intellektuellen Untermauerung ihrer BILDhaften These führt sie den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ins Feld. Der in Randale eher den Ausdruck eines selbstzerstörerischen politischen Nihilismus‘ sehe. Nun hat der Philosoph dies schon vor vielen Jahren gesagt, weit vor den aktuellen Ereignissen, sich also nicht konkret zu den Ausschreitungen in Frankreich oder Italien geäußert. Er verwies darauf, dass Linke zynistische Zweifel an die Stelle konstruktiver Perspektive setzen. Dass Wut und pure Rebellion noch kein politisches Programm seien (so etwa in seiner Rede 2016 an der Humboldt-Universität in Berlin). Dass sie sogar das Potenzial rechten Populismus‘ in sich trage. Die Frage ist, inwieweit man diese Sicht auf gegenwärtige Proteste inklusive der Gewalt projizieren kann. Hobeck scheint sich da, hunderte Kilometer entfernt, sicher zu sein. So sicher, dass sie auch Hans Magnus Enzensberger zitiert.
(Linkes) Lachen über die Gewalt, die sich dieser Tage in Frankreich zeige, erinnert Hobrack an Enzensbergers Essay „Schreckens Männer: Versuch über den radikalen Verlierer“ (2006 ). Darin sucht der Autor nach Gemeinsamkeiten zwischen einsamen Amokläufern und organisierten islamistischen Terroristen. Er denkt jugendliche Amokläufer, NS-Götterdämmerung und islamistische Gotteskrieger zusammen. Nicht die historischen Unterschiede, auch nicht die Suche nach sozialen Ungerechtigkeiten, biografischen Irrwegen oder religiösen Dunkelmännern, sondern die Gemeinsamkeiten der Selbstvernichtung interessieren ihn, wie es in einer Buchvorstellung hieß. Was die Täter, so Hobrack, verbinde, sei, wie sie zitiert: die gleiche Verzweiflung über das eigene Versagen, die gleiche Suche nach Sündenböcken, der gleiche Realitätsverlust, das gleiche Rachebedürfnis, der gleiche Männlichkeitswahn, das gleiche kompensatorische Überlegenheitsgefühl
Die gewalttätigen Auswüchse, deren Kernelement aus Sicht Hobracks die Hoffnungslosigkeit sei, und die sich nicht als Abweichung auf legitime Proteste aufpfropfen, werden mit Enzensberger-Bezug mal eben vom berechtigten Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten abgekoppelt. Ein kühner Weg, sie quasi zu dämonisieren. Um sie, anders als es Christian Schubert von der FAZ oder Straßenburg im Freitag tun, von jeder Verantwortung des Staates zu „befreien“. Es wird erst gar nicht mehr gefragt, woher die Hoffnungslosigkeit kommt, die laut Schubert ausgehend von tiefen sozialen Problemen über gefühlte Aussichtslosigkeit in Wut umschlagen kann. Es herrsche (Schubert) zwar Aphatie gegenüber der Politik unter rebellischen Jugendlichen. Mangelhafte Bildung in einem maroden Schulsystem, soziale Medien, miserable Jobaussichten etc. beförderten freilich diffuse (politische) Motivation.
Versuche, die Gewalt zu erklären, was nicht heißt, Verständnis für sie zu haben, werden von denen unternommen, die Interesse daran haben, die Gewalt einzudämmen oder zu verhindern. Dem dient etwa auch ein Interview, das der Freitag mit einem französischen Ex-Polizisten geführt hat („Da herrschen Zustände wie bei einem Mafiua-Netzwerk“) und der eine Gewaltspirale schildert. Andere trennen Gewalt von gesellschaftlichen Zuständen ab – was durchaus gleichbedeutend damit ist, vor ihr zu kapitulieren. Und/oder staatliche Ordnungsmacht zu fordern – und damit rechten in die Hände zu spielen. Die Entrüstung über die Gewalt ist berechtigt und notwendig, wenn sie vor sinnvollem Handeln kommt. Die zunehmende Respektlosigkeit vor Autoritätspersonen wie Lehrern oder Polizeibeamten, vor staatlichen Institutionen, und vor dem Privateigentum anderer lässt laut Straßenburg die Hemmschwelle sinken.
Die Frage muss also lauten: Wie schaffe ich wieder mehr Respekt? Dadurch, dass ich die jungen Menschen, die zur Gewalt überlaufen oder, wie Hobrack meint, wegen eigenverantwortlichen Scheiterns einfach ihre Zerstörungslust ausleben, verloren gebe? Oder indem ich mit politischem Zugehen auf jene, die friedlich protestieren, zeige, dass es sich lohnt, für bessere Lebensverhältnisse auf die Straße zu gehen? Bisweilen verrät auch Sprache, wer da in Debatten unterwegs ist. Randalierer, Rabauken, Halbstarke etc. – das waren die Begriffe, die in der 1960er und 70er Jahren von Eltern benutzt worden, um Kinder von Protesten abzuhalten. Von derlei Begriffen sollte sich friedlicher Protest nicht abschrecken lassen. Er sollte sich selbstbewusst weiter Bahn brechen. Am Ende auch, um die aufzufangen, die zur Gewalt neigen (und sie dann ausüben). Das ist nicht falsche Solidarität, sondern nötige Einsicht.

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