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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Than WeTake Berlin

Ich weiß nicht, ob Leonard Cohen, einer meiner Lieblingsdichter und -sänger, es passend gefunden hätte, dass ein gewisser Thomas L. Kemmerich die Songzeile First We Take Manhattan, Than we take Berlin für einen Post auf Facebook gekapert hat. Ich bezweifle das doch stark. Im Post zu sehen: Zohran Mamdani und die Berliner Linke Elif Eralp. Das war am 24. September 2026, kurz nach dem Wahlsieg der Linken in der deutschen Hauptstadt. Gepostet hat Kemmerich die Liedzeile, den New Yorker Bürgermeister und die Linken Eralp in bedrohlich wirkendem Plakatstil, um eine Kolumne von Rafael Korenzecher, Herausgeber der Jüdischen Rundschau, weiterzuverbreiten. Was die beiden eint? Kemmerich, das war der, damals noch FDP, der sich mit den Stimmen der AfD (und CDU!, FDP) 2020 zum Ministerpräsidenten in Thüringen wählen ließ und damit eine veritable Regierungskrise auslöste. Mit Korenzecher gemein hat er eine ausgeprägte rechtskonservative bis rechte Gesinnung.

Korenzecher geriert sich als jüdische Speerspitze gegen Antisemitismus. Der nach seiner Ansicht vor allem islamistisch geprägt ist. Weswegen er auch was gegen eine allzu offene Migrations- und Asylpolitik hat. Den Zentralrat der Juden in Deutschland mag Korenzecher nicht wirklich, ebenso wenig wie die deutschen Leitmedien (so bei Wikipedia zusammengefasst), weil dort angeblich konservative und regierungskritische Meinungen innerhalb des deutschen Judentums nicht zu Wort kämen. Dass er Die Linke verabscheut, versteht sich von selbst. Auch das haben er und Kemmerich gemein. Cohen selbst, so Korenzecher, habe das Lied ein Terroristenlied genannt. Dass Cohen mit Terroristen Jesus, Freud, Marx, Einstein meinte, wegen deren Geistesgröße die ganze Welt immer noch bebe, schert ihn nicht. Es würde nicht in den Korenzecher-Text passen, und auch nicht zu dem bedrohlichen Plakat. Aber mit Feinheiten geben sich er und sein Ex-FDP-Gesinnungsfreund eh nicht gerne ab.

Weswegen ich das schreibe, obschon weder Kemmerich noch die Jüdische Rundschau und ihr Herausgeber eine irgendwie ernstzunehmende Stimme in der Debatte um Die Linke und die Aussichten auf eine rot-grün-rote Koalition in Berlin sind? Weil der Missbrauch des Cohen-Lieds symptomatisch für die verlogene Politik- und Medienkampagne steht, die darauf zielt, Die Linke, vor allem ihre migrantische Spitzenkandidatin Eralp, besonders aber auch eine bündnisoffene SPD und Grünen-Partei zu diskreditieren. Und notfalls abzustrafen, worauf Drohungen hinweisen, Berlin unter einer Regierenden Bürgermeisterin Eralp einfach mal so den Geldhahn zuzudrehen. Manche Medien haben eine Pause eingelegt, vermutlich auch, weil Angriffe bislang eher leerliefen. Und sich SPD und Grüne in Berlin beharrlich widerstandsfähig geben. Andere, wie der Tagesspiegel, versuchen sich täglich neu zu munitionieren. Und auch Bundeskanzler Merz lässt da nicht locker.

Ihm fiel dieser Tage, was ebenso blöd ist wie sich mit dem Cohen-Text zu rüsten, eine vergleichweise uralte Parole ein: Freiheit statt Sozialismus. Ein, wie BILD headline-te, 50 Jahre alter CDU-Kampfslogan. Retro-Töne, wie das Spinger-Zentralorgan weiter schrieb, geäußert in einer Grundsatzrede zur Wirtschaftspolitik im Hotel Adlon Unter den Linden. Er wolle, so der Kanzler, ja eigentlich nicht in diesen Ton zurück, aber wenn er dieser Tage in Berlin hineinhöre, dann könne er nicht anders. Dass Merz das bei einem Termin der Hayek-Stiftung vernehmen ließ, dessen Namensgeber stets vor den Gefahren staatlicher Planung warnte und, so der Kanzler, dies auch ehedem an Mietpreisinterventionen im ‚roten Wien‚ festmachte, und dass dies sinngemäß wie die Faust aufs Auge linker Vergesellschaftungspläne passt, diese Parallele brauche er, Merz, nicht noch einmal aussprechen. Leider wiederhole sich die Geschichte manchmal doch. Deswegen dürfen wohl auch alte Kampfparolen wieder her.

Sie paaren sich mit dem SPIEGEL-Cover über die aufs Widerlichste missbrauchte Angst von Eralp vor der Bedrohung durch islamistische Antisemiten und fragwürdige Clans und mit Posts wie dem von Kemmerich plus Korenzecher. Wie sich deren Post wiederum mit dem SPIEGEL und am Ende auch wie der SPIEGEL-Kram sich mit der Unterschriften-Sammlung in der SPD gegen rot-grün-rot in Berlin paart. So wird aus Paaren ein großer antilinker Brei. Freiheit statt Sozialismus könnte auch die Freiheit von SPD, Grünen und Linken bedeuten, sich mit der Wähler/innen-Mehrheit im Rücken um die Belange der Menschen in Berlin zu kümmern. Doch da wird PLANvoll reingehalten. Und am Liebsten von oben bestimmt, wo’s langgeht. Mit der ganzen Medien-Power, die möglich ist. Könnte es sein, dass darin mehr vom Herrschaftssystem des untergegangenen Honecker-Deutschland steckt, als jeder Plan zur Wohnraum-Vergesellschaftung?

In der FAZ hat Simon Strauß, dem ich sonst eher kritisch gegenüberstehe, eine kleine, scharfe Kolumne über den Freiheitskämpfer Merz verfasst (die allerdings so schnell vom prominenten Online-Platz verschwand, wie sie dort auftauchte). Unter dem Titel Merz‘ Verhängnisvolle Anmaßung machte sich Strauß über den Auftritt des Kanzler bei der Hayek-Stiftung her (nicht Hayek-Gesellschaft, Hr Strauß). Freiheit statt Sozialismus, diesen alten Slogan und das, was der Kanzler da unter Seinesgleichen von sich gab, wirkte auf Strauß mitunter wie aus der politischen ‚Apotheken-Umschau‘. Da hörte man den Verlass auf vergangenen Rezepte. Dabei hätten die dort Versammelten durchaus darüber gesprochen, wie man etwa die disruptiven Kräfte der Technik-Konzerne auf dem freien Markt regulieren könnte. Sei das (auch) anmaßend?, fragt Strauß mit Bezug auf den Kolumnentitel, der Hayek entlehnt ist. Stehe denn da die Freiheit des Markts immer noch über Allem?

Lässig die Beine gekreuzt, wie Strauß beobachtete, habe Merz solche Sätze von Hayek zum besten gegeben: Ich für meinen Teil würde lieber ohne Eigentum in einem Land leben, in dem viele andere etwas besitzen, als dort leben zu müssen, wo alles Eigentum ‚Kollektiveigentum‘ ist. Das ist ein Satz, den man aus dem Munde eines ehemaligen Blackrock-Hirten ohne Umschweife großkotzig nennen könnte. Und der, das darf als sicher gelten, die, die in Berlin mehrheitlich für ein neues linke(re)s Bündnis gestimmt haben, als für eines unter einer CDU, die mit Affären und einer sozialpolitisch ruinösen Politik (inklusive ausufernder Mieten und beschämend mieterfeindlicher Wohnungskonzerne) „geglänzt“ hat, nicht meinen konnte. Ihnen mit billigen, missbrauchten Cohen-Texten zu kommen, dürfte kaum verfangen. Aber die Allianz der Linken-Gegner (und vorerst auch Gegner von SPD und Grünen in Berlin) kennt keine Grenzen. Da stülpt sich Mittelmaß über Mittelmaß.



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